Apothekerkammer Nordrhein fördert AGITATE-Studie zur Arzneimitteltherapiesicherheit am Lehrstuhl für Altersmedizin

Apotheker Mathias Freitag bespricht mit einem Patienten die Arzneimittelanamnese der häuslichen Medikation.

29.05.2018

Seit April 2016 beherbergt das Franziskushospital den neu gegründeten Lehrstuhl für Altersmedizin der Uniklinik RWTH Aachen unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. Cornelius Bollheimer mit angeschlossener Klinik für Innere Medizin und Geriatrie. Durch die direkte Anbindung des Lehrstuhls an die Versorgungsinfrastruktur des Franziskushospitals Aachen können aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft direkt in die klinische Praxis umgesetzt werden. Gleichzeitig sollen hier auch Informationen gewonnen werden, die im Rahmen von klinischen Studien zu einem weiteren Wissenszuwachs führen. Vor diesem Hintergrund ist nun die erste klinische Studie zur Arzneimitteltherapiesicherheit unter Leitung des Apothekers Mathias Freitag an den Start gegangen. Die Apothekerkammer Nordrhein fördert die Studie über zwei Jahre mit 14.000 Euro.

Die Anwendungsbeobachtung „The Pharmacist in the Acute Geriatric Inpatient Treatment Team – Impact on Rehospitalization and Transsectoral Communication“ (AGITATE) ist eine Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Altersmedizin und der Apotheke der Uniklinik RWTH Aachen unter der Mitbetreuung von Chefapotheker Dr. rer. nat. Albrecht Eisert. Das Ziel ist eine optimierte Versorgung älterer Menschen durch die zusätzliche Beratung eines Krankenhausapothekers auf Station. Neben einer Verbesserung der Lebensqualität wird auch die Kommunikation und der Informationstransfer zwischen den Heilberuflern im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich unter die Lupe genommen.

„Zu Beginn führen wir bei den Patienten eine ausführliche Arzneimittelanamnese der häuslichen Medikation durch, die auf den Auskünften der Haus- und Fachärzte, der Stammapotheke und des Patienten selber basieren“, so Apotheker Mathias Freitag. „Wir fragen bei den Patienten und Angehörigen neben den vom Arzt verordneten Medikamenten außerdem nach Nahrungsergänzungsmitteln, Präparaten aus der Selbstmedikation und bestimmten Arzneiformen wie Inhalatoren, die von diesen häufig nicht als wichtig angesehen werden, aber dennoch für unsere Therapie relevant sein können. Außerdem werden über die uns bekannten Diagnosen die dafür gängigen Präparate abgefragt, beispielsweise Bisphosphonate bei Osteoporose.“

Diese ausführliche Erhebung durch den Apotheker scheint nach ersten Ergebnissen durchaus sinnvoll zu sein: „Die tatsächlich eingenommenen Medikamente im häuslichen Bereich weichen fast immer von den Medikationsplänen ab, wobei wir natürlich beabsichtigte Änderungen in den Kliniken berücksichtigen. Nicht immer sind das relevante Abweichungen: Im Verlauf der Studie beobachten wir jedoch in 30 bis 40 Prozent der Fälle klinisch relevante, teilweise schwere Fehler, die durch die Anamnese der häuslichen Medikation korrigiert werden konnten.“

Die Patienten, die an der Studie teilnehmen, werden anhand von drei Telefonanrufen über sechs Monate begleitet. Dabei wird die Anzahl der Krankenhauseinweisungen sowie die zu Hause verbrachten Tage erfasst. Insbesondere im höheren Alter stellen die Tage, die der Mensch im gewohnten Umfeld und nicht in medizinischen Einrichtungen verbringen kann, ein wichtiges Merkmal der Lebensqualität dar. Diese wird durch die oben erwähnten Messpunkte abgebildet.

Weiterhin soll in der Studie erfasst werden, wie die weiterbehandelnden Hausärzte die vorgeschlagenen Medikamente im Arztbrief bewerten und ob sie diese übernehmen. Auch hierbei steht die Kommunikation zwischen stationärem und ambulantem Bereich im Vordergrund. Untersuchungen aus der Medizinischen Hochschule Hannover zeigen, dass nach geriatrischer Krankenhausbehandlung in nur rund 20 Prozent der Fälle die Medikamente aus dem Krankenhaus weiterverordnet werden. Diese Daten sollen nun auch in Aachen erfasst werden, um einen Vergleich zu ziehen und die Grundlage für die zweite Phase des Projektes zu legen:

In der Studie wird Mathias Freitag neben der ausführlichen Arzneimittelanamnese außerdem eine individuelle, literatur- und datenbankgestützte Medikationsanalyse durchführen, in der er die Medikation des Patienten eingehend prüft. Dabei wird beispielsweise evaluiert, ob die Medikamente an die Nierenfunktion angepasst werden müssen, ob Wechselwirkungen zwischen den Arzneistoffen oder Kontraindikationen bestehen, bereits bestehende Nebenwirkungen behandelt oder Präparate verordnet werden, die für ältere Patienten nachweislich schlecht geeignet sind. Außerdem wird geprüft, ob Arzneimittel abgesetzt oder die Einnahmezeitpunkte reduziert werden können, damit der Patient die mit ihm zusammen erarbeitete Therapie leichter einhalten kann.

Die Ergebnisse werden anschließend mit dem behandelnden Stationsarzt gemeinsam besprochen und sinnvolle Änderungen in der Medikation in Absprache mit dem Patienten umgesetzt. Der Apotheker betreut den Patienten über den gesamten Krankenhausaufenthalt bewertet die vorgenommenen Änderungen im Verlauf erneut. Darüber hinaus wird eine Beratung zu allen Fragen der Arzneimitteltherapie angeboten, wie beispielsweise die Anwendung von Inhalatoren, Insulinpens, wirkstoffhaltigen Pflastersystemen etc.

Abschließend erstellt der Apotheker in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Stationsarzt eine schriftliche Wertung für den weiterbehandelnden Hausarzt, in dem die Gründe für Medikationsänderungen kurz dargelegt werden, auf weiterhin bestehende Wechselwirkungen eingegangen wird sowie notwendige Dosisänderungen im weiteren Verlauf diskutiert werden. „Umfragen unter Hausärzten aus Berlin zeigen, dass diese Informationen von fast allen erwünscht sind, aber häufig in Arztbriefen fehlen“, bemerkt der Apotheker. Durch dieses sogenannte pharmazeutische Konsil sollen dem Hausarzt die Entscheidungsgrundlagen, die zu einer Medikationsänderung während des stationären Aufenthaltes geführt haben, kompakt zur Verfügung gestellt werden. „Wir möchten durch diese Maßnahme erreichen, dass unsere Empfehlungen für die Weiterführung der Medikation von den Hausärzten eher übernommen werden, da sie hierdurch alle wichtigen Informationen für ihre Therapieentscheidungen haben. Wir wollen verhindern, dass es aufgrund von Missverständnissen oder fehlenden Informationen zu einem Abbruch von sinnvollen Therapien kommt, die während des Krankenhausaufenthaltes erarbeitet wurden.“

Insgesamt soll es durch die Arbeit des Apothekers auf der Station in der zweiten Phase zu einer Verbesserung der genannten Messpunkte Vollständigkeit der Arzneimittel-Anamnese, Krankenhauseinweisungen und zu Hause verbrachte Tage innerhalb von sechs Monaten sowie Übernahme der Medikationsempfehlungen durch den Hausarzt kommen.

Das Projekt soll gleichzeitig auch in die Bemühungen zur Verbesserung des Qualitätsmanagements in den Bereichen Arzneimitteltherapie und Entlassmanagement einfließen.

Erfreulicherweise hat auch die Apothekerkammer Nordrhein das Potential der Implementierungsstudie sowohl für die Patientenversorgung als auch für das zukunftsweisende Konzept des Apothekers auf Station erkannt und fördert diese mit 14.000 Euro für die nächsten zwei Jahre. „Wir freuen uns sehr über die Unterstützung und das uns entgegengebrachte Vertrauen und hoffen, mit unserer Arbeit auch langfristig zu einer Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit bei älteren Patienten beitragen zu können“, so die Studienverantwortlichen.

Informationen zur Anwendungsbeobachtung „Der Apotheker im akutstationären geriatrischen Behandlungsteam – Einfluss auf Wiedereinweisungen und transsektorale Kommunikation“ erhalten Sie unter mfreitag(at)ukaachen.de oder unter 0241 7501 252.

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